Eine Diskussion des Project2022 (Eastern Academic Alliance) in Kooperation mit dem Lew Kopelew Forum e.V. und dem Filmhaus Köln Gefördert von der Europäischen Union.
Anschließender kleiner Empfang mit Vorstellung von Publikationen zum Thema Schule in Russland und den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine.
Dass in Russland Medien, Wissenschaft, Universitäten und Schulen gleichgeschaltet werden, ist nicht erst seit 2022 offensichtlich. Es handelt sich um einen Prozess, der mit der Schließung von NTV im Jahr 2001 begann und seither kontinuierlich voranschritt – über die Verfolgung unabhängiger Medien wie Nowaja Gazeta bis hin zum Verbot und zur Kriminalisierung von Menschenrechtsorganisationen wie Memorial und OVD-Info. Die systematische Unterdrückung von Lehr- und Lernfreiheit an Universitäten und Schulen setzte etwas später ein: ab 2014 in den russisch besetzten Gebieten der Ukraine, ab 2022 dann in Russland selbst. Seit 2012 wirkt im russischen Strafrecht zudem die Markierung als „ausländischer Agent“ und seit 2015 „unerwünschte Organisation“. Sie kann VertreterInnen aller Berufe und gesellschaftlichen Kreise treffen, die aus der Sicht der russischen staatlichen Organe unter ausländischem Einfluss stehen bzw. die russische Gesellschaftsordnung bedrohen. So ist auch Pavel Talankin nach der Oscar-Verleihung mit dem Label „ausländischer Agent“ gebrandmarkt worden.
In dem Film – und dem Fall – von Pavel Talankin wird man mit einer eigensinnigen Parabel konfrontiert, die einen frischen Blick auf Russland erlaubt und sehr unterschiedliche Reaktionen hervorruft. Es geht um Normalität, um die Banalität des Mitläufertums im heutigen Russland – aber auch um den Mut und die Handlungsspielräume, die ein gewöhnlicher Mensch dennoch finden kann, um sich nicht nur dem Kreml-Bild der Wirklichkeit, sondern auch stilleren Formen der Nichtanerkennung des eigenen Andersseins zu widersetzen.
Die Diskussion soll Anstoß für größere Fragen geben: Wie sollen Journalismus, Schule, Kunst und Wissenschaft mit der „Black Box“ Russland umgehen? Welchen Zweck hat das Sprechen über Gleichschaltung – und wo liegen seine Grenzen? Welche ethischen Standards gelten im Umgang mit Quellen, beim Schutz von Zeuginnen und Zeugen, bei der Auseinandersetzung – oder nicht – mit den genaueren Umständen der russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine? Und welche „Lehren“ können – oder sollen – andere Gesellschaften aus dieser Geschichte ziehen, die sich noch vor unseren Augen entfaltet, an der wir selbst vielleicht irgendwie beteiligt sind?
Mit
Dina Gusejnova (LSE London)
Tamina Kutscher (#Unfollow Propaganda)
Alexey Uvarov (RUB Bochum)
Moderation: Felix Riefer (Lew Kopelew Forum e.V.)
Dina Gusejnova stammt ursprünglich aus Moskau und machte ihr Abitur in Bremen. Sie promovierte in Cambridge und lehrt heute, nach Postdocs in Stanford und Chicago, als Associate Professor am Department of International History an der London School of Economics and Political Science. Sie ist Fellow der Royal Historical Society und die Autorin u.a. von European Elites and Ideas of Empire, 1917-1957 (Cambridge UP, 2016). Im Herbst 2026 erscheint von ihr der Artikel “Spenglers „Zeitenwende“ heute. Zur politischen Verwendung eines Begriffs von der Zweiten Marokkokrise (1911) bis zur Zweiten Ukrainekrise (seit 2022)“ (Heise und Öhlschläger (Hgs.), Brill, 2026), und (gemeinsam mit Friedrich Cain) der Sammelband Academia and the People. Universities, Knowledge Communities, and Dissent in Central and Eastern Europe, ca. 1900-2025 (transcript). Im Jahr 2021 rief sie gemeinsam mit KollegInnen die University of New Europe ins Leben, eine zivilgesellschaftliche Initiative, die von der Dutch Media Foundation unterstützt wird. Aus der Kooperation entstand unter anderem auch die Idee der Eastern Academic Alliance, heute ein EU-gefördertes Netzwerk, in dem Gusejnova gemeinsam mit Dorine Schellens (Leiden) das Project2022 leitet, eine wissenschafts- und bildungsorientierte Initiative (Project2022.eu). Im Russian Analytical Digest veröffentlichte die Gruppe kürzlich eine Studie zu russischen Schulen seit 2022.
Tamina Kutscher ist Journalistin, Slawistin und Historikerin – und beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit Kultur, Medien und Gesellschaft in Russland/Mittel- und Osteuropa, auch als Moderatorin, Herausgeberin und Mitglied diverser Fachjurys. Von 2016 bis 2023 war sie Chefredakteurin von „dekoder – Russland und Belarus entschlüsseln“. In dieser Zeit wurde die Medien- und Wissenschaftsplattform mehrfach ausgezeichnet: mit dem Grimme Online Award (2016 und 2021) sowie mit dem Karl-Wilhelm-Fricke-Preis (Sonderpreis, 2021). Zuvor arbeitete Tamina Kutscher sechs Jahre lang als Redakteurin und Projektleiterin beim internationalen Journalistennetzwerk n-ost, ihre Arbeit dort führte sie in zahlreiche Länder Mittel- und Osteuropas sowie nach Zentralasien (Kasachstan und Kirgistan). Als Mitgründerin von #Unfollow Propaganda untersucht sie gemeinsam mit Mandy Ganske-Zapf, wo russische Propaganda entsteht und über welche Kanäle russische Desinformation nach Deutschland kommt, wo sie auf besonders fruchtbaren Boden fällt, und warum.
Alexey Uvarov ist Historiker und Politikwissenschaftler. Dr. Uvarov beschäftigt sich mit Geschichtspolitik im heutigen Russland und in Osteuropa. Nach seinem Studium an der Lomonossow-Universität Moskau arbeitete er dort anschließend auch im Bereich internationaler akademischer Kooperation. Im Jahr 2022 verließ Alexey Uvarov Russland aus Protest gegen den russischen Angriffskrieg. Heute ist er in Russland als „ausländischer Agent“ eingestuft. Dies hängt mit seiner Verurteilung des Krieges und mit seinen Veröffentlichungen in russischen Exilmedien zusammen. In diesen Publikationen analysiert er unter anderem, wie Geschichte in der russischen Propaganda verwendet wird. 2024 promovierte er an der Universität Bonn. In seiner Dissertation untersuchte er, wie Narrative über die Sowjetunion und das Russische Kaiserreich genutzt werden, um die heutige russische Politik zu legitimieren. Ermöglicht wurde seine Promotion durch ein Scholars-at-Risk-Stipendium der Gerda Henkel Stiftung. Derzeit arbeitet er an der Ruhr-Universität Bochum. Seine Texte erschienen unter anderem bei dekoder, Meduza und Riddle Russia sowie in weiteren führenden Medien zu russischer Politik und Geschichte. Für Meduza und The Insider analysierte er kürzlich neue russische Geschichtsbücher. Diese wurden von Wladimir Medinski, dem Berater des russischen Präsidenten und ehemaligem Kulturminister, sowie von Anatoli Torkunow mitverfasst. Torkunow ist Rektor des MGIMO, des Moskauer Staatlichen Instituts für Internationale Beziehungen.
Felix Riefer ist Politikwissenschaftler mit den Schwerpunkten Internationale Beziehungen und Osteuropastudien. Er promovierte im Jahr 2020 an der Universität zu Köln und ist derzeit Postdoktorand an der Universität Freiburg. In seiner Forschung befasst er sich mit der russischen Außenpolitik, den Wechselwirkungen zwischen Innen- und Außenpolitik, den Rollen von Eliten und Institutionen sowie mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Osteuropa. Darüber hinaus untersucht er Russlands transnationale antiliberalen Strategien, die sich an russischsprachige Gemeinschaften in Deutschland und weltweit richten, sowie Fragen der Diasporapolitik, Identitätskonstruktion und der Projektion illiberaler Normen. Dr. Riefer ist Mitglied der Wissenschaftlichen Kommission für die Deutschen in und aus Osteuropa, Sibirien, Zentralasien und Kaukasien (WKDO) sowie des Beirats des Lew Kopelew Forums und des Editorial Boards des „Journal of Soviet and Post-Soviet Politics and Society“.
24. Juni 2026 um 17:00 – 18:30
Filmhaus Köln, Maybachstraße 111, 50670 Köln
Präsenz
Eintritt frei
Ohne Anmeldung
Bildnachweis: Wiki Commons

