Liebe Freundinnen und Freunde des Lew Kopelew Forums,

Ich darf ihnen heute die sehr erfreuliche Mitteilung machen, daß wir eine überaus qualifizierte neue Geschäftsführerin für unser Forum gewinnen konnten: Frau Anastasia Koehler. Sie ist damit die Nachfolgerin von Frau Tatjana Dettmer, die nach Jahren wunderbarer Zusammenarbeit zu neuen Ufern aufgebrochen ist.

Wir sind sehr glücklich, daß Frau Koehler gemeinsam mit uns allen das Erbe des großen Humanisten und Schriftstellers Lew Kopelew lebendig halten wird – gerade jetzt in diesen schwierigen Zeiten. Die Ukraine leidet unter Last des brutalen Putinschen Angriffskrieges, Demokratien innerhalb und außerhalb Europas sind unter Druck. Wir haben viel zu tun. Ich freue mich, daß sie Frau Koehler bei unseren Veranstaltungen, die wir nun wieder aufnehmen, kennenlernen werden. Und ein klein wenig auch schon jetzt.

Ihr

Thomas Roth

Anastasia Koehler hat an der Europa-Universität Viadrina Kultur und Geschichte Mittel- und Osteuropas studiert und im Rahmen ihrer Masterarbeit zu Flucht und Emotionen unter ukrainischen Aktivist*innen in Frankfurt (Oder) geforscht. In den letzten Jahren hat sie in verschiedenen Bereichen mit Menschenrechts- und Osteuropabezug gearbeitet. Dazu zählten die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen in der Ostukraine im Rahmen einer internationalen Monitoringmission, die 2016 durch die NGO Austausch e.V. koordiniert wurde, sowie ihre anderthalbjährige Tätigkeit von 2022 bis Ende 2023 als Projektmanagerin bei SCIENCE AT RISK (akno e.V.), einem Verein, der sich seit der Protestbewegung in Belarus 2020 und länderübergreifend seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine 2022 für die Wissenschaftsfreiheit in Osteuropa einsetzt. Und schließlich die Leitung und Durchführung des Ausstellungsprojekts „Was Wirklich Zählt“, das in Bild und Text die Geschichte von ukrainischen Geflüchteten im Jahr 2022 dokumentiert, und zwischen 2022 und 2024 an Universitäten, Schulen und in Galerien vorgestellt beziehungsweise ausgestellt wurde.

„Die Arbeit im Lew Kopelew Forum ist für mich von großer Bedeutung, weil es durch seinen Namensgeber gerade in der heutigen Zeit dazu inspiriert, sich nicht entmutigen zu lassen und für Menschenrechte und gegen Desinformationen und imperiale Kriege einzustehen. Ich freue mich darauf, Lew Kopelews Weg mit Ihnen zu erkunden und nach Themen zu suchen, die vielleicht auch Hoffnung spenden können, aber vor allem den zivilgesellschaftlichen Geist stärken und die Menschen, die sich dafür einsetzen, unterstützen.

Herzliche Grüße und auf bald im Lew Kopelew Forum,

Anastasia Koehler“

 

Bildnachweis: Arthur Pluta

Liebe Mitglieder,

liebe Freunde und Freundinnen des Forums,

sehr geehrte Damen und Herren,

im Lew Kopelew Forum beginnt ein neuer Abschnitt: unsere langjährige Geschäftsführerin Tatiana Dettmer verlässt das Forum zum Jahresende. Das bedauern wir sehr.

Frau Dettmer führte die Geschäfte souverän in einer turbulenten Zeit mit höchster Kompetenz. Corona, die Bewegung gegen Wahlfälschung und für Demokratie in Belarus, der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine: Das Lew Kopelew Forum hielt in der Ära Dettmer intensiv Menschenrechte, freie Kultur und Demokratie hoch. Brücken bauen im Sinne Lew Kopelews – das ist nicht einfach in einer Zeit, in der Russland unseren Verein leider zur „Unerwünschten Organisation“ erklärt hat. Wir werden in unserer Arbeit dennoch nicht nachlassen.

Vorstand und Beirat des Lew Kopelew Forums sprechen Tatiana Dettmer von Herzen ihren großen Dank aus.

Der Vorstand des Forums wird in den kommenden Wochen die Nachfolgerin bekannt geben. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir im Januar unseren Betrieb bis auf interne Arbeiten stark einschränken werden und keine öffentlichen Veranstaltungen in unseren Räumen durchführen können.

Wir freuen uns, dass uns nach wie vor zahlreiche Anfragen und Ideen für Veranstaltungen im kommenden Jahr erreichen. Unsere neue Geschäftsführung wird in Zusammenarbeit mit dem Vorstand und dem Beirat des Forums das Programm ab dem nächsten Jahr erarbeiten. Wir planen unseren öffentlichen Betrieb ab Februar 2025 wieder aufzunehmen.

Dann freuen wir uns, Sie in unseren Räumlichkeiten und bei unseren Veranstaltungen wieder begrüßen zu dürfen.

Wir wünschen Ihnen frohe Festtage und ein gutes neues Jahr in einer Welt mit Achtung der Menschenrechte und des Völkerrechts – für eine Freiheit der Kultur und Kultur der Freiheit.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Thomas Roth
Vorsitzender

Wir trauern um unser langjähriges Mitglied und Bürgerrechtler Thomas Ammer, der am 11. Oktober 2024 in Euskirchen verstarb. Als Mitbegründer der Widerstandsgruppe Eisenberger Kreis wurde Thomas Ammer 1958 in der DDR zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. 1964 wurde er von der Bundesrepublik freigekauft. Thomas Ammer engagierte sich Zeit seines Lebens für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte.

Ein Nachruf von Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk:

Etwa 1991 hörte ich zum ersten Mal von der Widerstandsgruppe „Eisenberger Kreis“. Das war eine Gruppe von über 20 jungen Oberschülern und Lehrlingen, die sich nach der Niederschlagung des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 strikt konspirativ gebildet hatte, um Widerstand gegen die kommunistische Diktatur zu leisten. Ihr ausdrücklicher Antrieb war: Nie wieder! Ihr Vorbild waren die „Weiße Rose“ um die Geschwister Scholl. Der „Eisenberger Kreis“, ein Name, den die Staatssicherheit der Gruppe später gab, protestierte mit selbstgefertigten Flugblättern, mit Wandparolen, mit dem Herunterreißen von Propagandatafeln gegen die SED-Diktatur. Mitglied der Gruppe durften nur jungen Männer werden, weil Frauen als leichter erpressbar und als „schwatzhaft“ galten… Das Ende der Gruppe hat tragischerweise genau dieser Annahme widersprochen.

 

Über die genaue Gruppengröße wussten nur 3, 4 Männer Bescheid, aber auch sie kannten nicht alle Mitglieder, die in kleinen Zellen organisiert waren. Um den konspirativen Charakter zu wahren, waren alle Mitglieder angehalten, sich im Alltag nicht sonderlich oppositionell zu geben, sondern „mitzulaufen“, um die Gruppe nicht gefährden. Nach dem Abitur einiger Mitglieder in den Jahren 1953-1955 weitete sich der Aktionsradius aus, weil nunmehr an mehreren Orten Gruppenmitglieder agierten. Zu den politischen Forderungen zählten u.a. freie Wahlen, Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen, Freilassung politischer Gefangener, Pressefreiheit, Zulassung von Oppositionsparteien, Beendigung politischer Prozesse, Abschaffung der Stasi. Auch gegen die Militarisierung protestierte die Gruppe. So ist im Januar 1956 auf einen GST-Schießstand ein Brandanschlag verübt worden. Ein Fahrgastschiff, das 1956 auf den Namen „Stalin“ getauft herumfuhr, ist in einer nächtlichen Aktion in „Bayern“ umbenannt worden.

 

Zum Kopf der Gruppe zählte Thomas Ammer. 1937 in Eisenberg geboren hatte er gemeinsam mit Reinhard Spalke (1937-1995) und Johann Frömel (1935-2019) 1953 die Gruppe begründet. Sein Vater, ein Handwerker, der historische Tasteninstrumente herstellte, hatte sich als KPD-Mitglied am Widerstand gegen die NS-Diktatur aktiv beteiligt. Auf der Oberschule erlebte Thomas Ammer 1952/53 den Kampf gegen die Jungen Gemeinde hautnah mit. Das empörte ihn sehr – als FDJ-Mitglied. Er war an der Oberschule FDJ-Funktionär zur Tarnung und baute die Widerstandsgruppe auf. Das handhabte er so auch nach seinem Wechsel an die Universität Jena, wo er Medizin studierte und ebenfalls in der FDJ aktiv war.

 

Nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution durch sowjetische Truppen im Herbst 1956, versuchte sich die Gruppe zu radikalisieren, zugleich ist die konspirative Vorsicht nochmals erhöht worden. Schließlich flog durch Verrat die Widerstandsgruppe auf: Ein Mann hatte Kontakt zur Gruppe unter Vortäuschung, er sei ein bundesdeutscher Journalist, gefunden, spionierte sie umfassend aus und so kam es schließlich am 13. Februar 1958 zur Verhaftung von 24 Gruppenmitgliedern – fünf hatten sich dem Zugriff durch Flucht noch entziehen können. Es folgten harte Wochen von Einzelhaft und Verhören; nicht immer gelang es, alle vorsorglich eingeübten Strategien einzuhalten. Aber sie blieben standhaft und mutig. Den Köpfen der Gruppe drohte die Todesstrafe. Damit spielte der Staat in seinen Erpressungsstrategien. Die jungen Männer hatten Glück, sie erhielten „nur“ Zuchthausstrafen. Thomas Ammer bekam vom Bezirksgericht Gera mit 15 Jahren Zuchthaus die höchste Strafe. Zunächst ist er in der Haftanstalt Waldheim eingesperrt worden, dann von November 1958 an in Brandenburg-Görden.
Am 14.8.1964 ist Thomas Ammer von der Bundesregierung freigekauft worden. Er konnte in die Bundesrepublik ausreisen. Dort studierte er in Tübingen, Bonn und Erlangen Politische Wissenschaften, Jura und Geschichte. Nach dem Studium arbeitete er in verschiedenen Institutionen der politischen Bildung, ehe er ab 1975 im Gesamtdeutschen Institut in Bonn und nach dessen Auflösung ab 1991 bis zur Berentung bis 2002 in der Bundeszentrale für Politische Bildung arbeitete.

 

Thomas Ammer war bis 1982 SPD-Mitglied. Als überzeugter Demokrat war er Antikommunist. Er stellte seine Erfahrungen und Erlebnisse lebenslang in den Dienst der Aufklärung über die kommunistische Diktatur. Als gewissenhafter Wissenschaftler und Publizist war er zeitlebens eine besonnene und abwägende, nie geifernde, immer nüchterne Stimme. Er wurde über Parteigrenzen hinweg geachtet, respektiert, ja, ich möchte sagen, so habe ich es erlebt: geliebt. Sein bescheidenes Auftreten, seine unprätentiöse Art, seine Zurückgenommenheit nahmen noch jeden für ihn ein. Er verfügte über ein schier grenzenloses Wissen über die SED-Diktatur. Immer war er ansprechbar, immer freundlich, immer zugewandt. Der große öffentliche Auftritt war nicht seine Sache, aber er verschloss sich diesem nicht, wenn es der Aufklärung diente.
Von 1992 bis 1998 war Ammer von der BpB abgeordnet und gehört zum wissenschaftlichen Mitarbeiterstamm der beiden Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung und Folgen der SED-Diktatur. Ich hatte ihn am Rande einer Tagung 1991 erstmals persönlich kennengelernt – sofort war er bereit, dem ihm persönlich nicht bekannten jungen Mann Auskunft zu geben. Für mich war er zu diesem Zeitpunkt ein bereits bewunderter Autor, vor allem kannte ich ihn wegen eines Buches zu Geschichte der Universität Rostock (1979) und einer Dokumentation zur Auflösung der Stasi in Rostock (1991). Nun traf ich ihn am Rande von Tagungen immer wieder. Und als Mitarbeiter der Enquete-Kommission, der ich als Sachverständiger angehörte, war er für mich fast automatisch eine Persönlichkeit, die mir Halt und Kompass zugleich war. Er wurde von allen Mitgliedern der Kommission gleichermaßen hochgeschätzt – wahrscheinlich ist ihm das gar nicht genug gespiegelt worden, womöglich wäre ihm das auch peinlich gewesen. Er machte wirklich kein Gewese um seine Person und hat immer auf andere Schicksale verwiesen.

 

Als Ulrike Poppe, Rainer Eckert und ich 1994 für die Evangelische Akademie Berlin-Brandenburg und den Unabhängigen Historikerverband die erste große Tagung zur Geschichte von Opposition und Widerstand in der DDR organisierten und kurz darauf den ersten Sammelband dazu herausgaben, war es selbstverständlich, dass wir Thomas Ammer zur Mitarbeit einluden. Wir waren sehr dankbar, dass er mit einem Aufsatz zum Widerstand an den Universitäten dabei war. Ebenso denkwürdig war sein Auftritt in Jena vor der Enquete-Kommission, als er über den „Eisenberger Kreis“ berichtete.
Thomas Ammer bescherte mir eines meiner größten Glücksmomente als Historiker – und ich konnte nicht einmal etwas dafür: Ich befasste mich seit der Archivöffnung 1990/91 auch sehr intensiv mit der Geschichte des „17. Juni 1953“. Seit 1992 publizierte ich dazu kontinuierlich. 2002/04 forschte ich mit Bernd Eisenfeld (1941-2010, auch er ein früherer politischer Häftling: siehe mein Nachruf in: Deutschland Archiv 43(2010) 4, S. 601-603) und Ehrhart Neubert über die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte des 17. Juni. Herauskam 2005 das voluminöse Buch „Die verdrängte Revolution“. Dieses wurde von vielen angefeindet – es enthielt zu viele unbequeme Tatsachen. Die gröbsten Attacken kamen aus Teilen der Geschichtswissenschaft, der wir ihre Ignoranz bis 1990 vorhielten, und von Teilen antikommunistischer Verbände, deren Zusammengehen mit neofaschistischen Kräften vor 1990 wir kritisch betrachteten. Thomas Ammer hingehen entdeckte etwas in dem Buch, was mir als Autor selbst nicht aufgefallen war: In einem großen Abschnitt gehe ich auf einen Mann ein, der für die Nazis, die Sowjets und dann für die Stasi als Informant arbeitete. Buchstäblich Tausende Menschen lieferte Harry Schlesing, so der Name, ans Messer. Er war ein Spitzel, wie ihn sich kein Romanautor ausdenken könnte: er zählte zu den Stasi-Spitzeln mit der größten Aktionsweite, ein Mann, der selbst Vizeminister Beater Strategien diktierte. Ich wertete erstmals die Aktenüberlieferung aus und schrieb ausführlich über ihn und sein Treiben. In dem Buch nimmt er viel Raum ein. Nach der Veröffentlichung rief mich Thomas Ammer an, sehr aufgeregt und zugleich tief befriedigt: Harry Schlesing war der Mann, der auch den „Eisenberger Kreis“ ausgekundschaftet und verraten hatte, ein übler Typ, der auch Thomas Ammers Lebensweg entscheidend negativ beeinflusst hatte. Ich war durch diese unverhoffte Entdeckung sehr glücklich – konnte ich doch Thomas Ammer ungeahnt so ein wichtiges Puzzleteil seiner Biographie liefern. Er publizierte wenig später, auf Bitte vieler hin, auch von mir, endlich den Bericht, den er kurz nach seiner Freilassung in die Bundesrepublik verfasst hatte über den „Eisenberger Kreis“. Wer den Forschungsstand über die Gruppe kennt und diesen Bericht liest, kann nur staunen angesichts der Präzision und lernt zugleich einen Mann kennen, der faktenbasiert Geschichtsbetrachtung auch als Zeitzeuge betrieb.

 

Nun ist Thomas Ammer am 11. Oktober 2024 verstorben. Bis zuletzt verfolgte er intensiv und voller Anteilnahme die Geschehnisse. Der russländische Krieg gegen die Ukraine bekümmert ihn sehr – natürlich war er, der als Pazifist gegen das SED-Regime protestiert hatte, 100%ig auf der Seite der Ukraine und auch für eine solche militärische Unterstützung, die die Ukraine siegreich sein lassen kann. Nach einer kurzen Krankheit schlief Thomas Ammer für immer ein.

Er war in vielerlei Hinsicht ein großes Vorbild. Freiheit und Demokratie in Deutschland haben in Thomas Ammer eine leuchtende Biographie. Es liegt an uns, das Vermächtnis von Thomas Ammer zu bewahren und an die Nachgeborenen weiterzugeben. Baut ihm Denkmäler, benennt Straßen und Plätzen nach ihm, stiftet Demokratie-, Freiheits-, Aufarbeitungspreise mit seinem Namen, in seinem Sinne, dreht Spielfilme über ihn und sein Wirken – aber vor allem nehmt ihn als biographisches Beispiel im Schulunterricht und in der politischen Bildung: Besser geht es in dieser Welt nicht mehr.

 

In tiefer Trauer und voller Hochachtung, Respekt und Stolz, ihn gekannt zu haben und voller Mitgefühl mit seiner Frau Vera: Ilko-Sascha Kowalczuk am Morgen des 15. Oktober 2024.

Das Lew Kopelew Forum verleiht in diesem Jahr den nach ihm benannten „Preis für Frieden und Menschenrechte 2023/2024“ an Vertreterinnen und Vertreter der Ukraine stellvertretend für das gesamte ukrainische Volk. Geehrt werden der Bürgermeister von Kyjiw (Kiew), Vitali Klitschko und sein Bruder Wladimir Klitschko, ehemalige Weltklasseboxer. Sie kämpfen an ihrem jeweiligen Platz in der Ukraine gegen Putins Armee, die in einem völkerrechtswidrigen Angriffs- und Vernichtungskrieg erbarmungslos gegen die ukrainische Bevölkerung und deren lebenswichtige Einrichtungen samt Infrastruktur vorgeht. Die Brüder Klitschko bleiben wie ihr Präsident trotz Bomben und Raketen in Kyjiw.

Ausgezeichnet wird auch die ukrainische Sanitäterin Julia Pajewska, genannt „Taira“. Sie versorgte Verletzte und rettete Leben im Stahlwerk von Mariupol, dokumentierte die Kriegssituation dort mit ihrer Körperkamera und machte die Aufnahmen unter Lebensgefahr der internationalen Presse zugänglich. Sie überlebte die überaus harte russische Gefangenschaft und Misshandlungen und kam durch Gefangenenaustausch frei. In der Ukraine ist „Taira“ eine weithin geachtete „Heldin des Volkes“.

Die älteste Menschenrechtsgruppe der Ukraine, die „Menschenrechtsgruppe Charkiw“ (Kharkiv Human Rights Protection Group KHPG) gehört ebenfalls zu den diesjährigen Preisträgern. Sie ringt seit 1988 bis heute um die Durchsetzung und das Einhalten der Menschenrechte, unterstützt Binnenflüchtlinge und dokumentiert Fakten und Hinweise auf Kriegsverbrechen, um die Täter sobald wie möglich vor Gericht zu bringen.

Zur Veranstaltung:
Die Veranstaltung wurde eröffnet von Alexander Wüerst, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Köln und stellvertretender Vorsitzender des Lew Kopelew Forums, am 9. Juni 2024 vor rund 400 geladenen Gästen in der Kassenhalle der Kreissparkasse Köln.

Die Preisbegründung und Würdigung der Preisträgerinnen und Preisträger erfolgte durch Thomas Roth, Vorsitzender des Lew Kopelew Forum e.V., im Gespräch mit Dr. h. c. Gerhart Baum, Bundesinnenminister a.D.

„In Zeiten größter Not und Bedrohung braucht es mutige Vorbilder, die trotz allem den Kampf dagegen aufnehmen und auch in dunkler Stunde und scheinbarer Aussichtslosigkeit darin nicht nachlassen. So wie derzeit Vitali Klitschko, der Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw, und sein Bruder Wladimir. Oder die ukrainische Rettungssanitäterin Julia Pajewska, die auch unter schwersten russischen Beschuss im Stahlwerk von Asow aushielt und Menschenleben rettete. Und der Ukrainer Jewhen Zacharow, der sich seit Jahrzehnten für die Menschenrechte einsetzt und als Direktor der „Kharkiv Human Rights Protection Group“ derzeit unter anderem Kriegsverbrechen im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine dokumentiert. Sie alle, die sie für die Freiheit und Unabhängigkeit der Ukraine als Staat kämpfen, werden stellvertretend für die ukrainische Bevölkerung mit dem „Lew Kopelew Preis für Frieden und Menschenrechte“ ausgezeichnet. Sie verteidigen dabei auch die Heimat des bei Kyjiw geborenen Lew Kopelew, der 1982 von den damals sowjetischen Behörden zwangsweise ausgebürgert wurde und 1997 im Kölner Exil verstarb“, sagte Thomas Roth, Vorsitzender des Lew Kopelew Forums, bei seiner Preisbegründung.

Die musikalische Untermalung gestalten ein deutsch-ukrainisches Trio unter der Leitung des preisgekrönten Pianisten Yaromyr Bozhenko, der Violonistin Olga Glibovych und des Cellisten Emanuel Matz. Des Weiteren tritt die ukrainische A-cappella Band „Dyvyna“ in der Zusammensetzung der fünf Sängerinnen Yuliia Kulinenko, Christina Kramer, Yana Fitsa, Svitlana Medvedieva und Vira Mikulina auf. Zu seinem Repertoire gehören ukrainische Volkslieder verschiedener Genres, welche die Sängerinnen bei ethnographischen Expeditionen in der Ukraine kennengelernt haben.

 

Zur Pressemitteilung

 

Bildnachweis: Horst Galuschka

Das russische Justizministerium hat auf seiner Webseite das „Lew Kopelew Forum“ zur „in Russland unerwünschten Organisation“ erklärt. Das Lew Kopelew Forum haben Freunde und Weggefährten nach dem Tod des russischen Bürgerrechtlers und ehemaligen Gulaghäftlings Lew Kopelew vor über 25 Jahren in Köln gegründet. Darunter Persönlichkeiten wie Marion Gräfin Dönhoff und der ehemalige Intendant des WDR, Fritz Pleitgen. Mit der Ernennung des Forums zur „unerwünschten Organisation“ durch die russischen Behörden schließt sich damit leider ein trauriger historischer Kreis.

 

Lew Kopelew trat beim Vorrücken der Sowjetarmee gegen Ende des Zweiten Weltkrieges für die Schonung der deutschen Zivilbevölkerung ein. Das trug ihm „wegen Mitleid mit dem Feind“ die Verurteilung durch die sowjetische Militärgerichtsbarkeit und 10 Jahre Haft im Gulag ein. Dort lernte er unter anderem den späteren Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn kennen. 1981 wurde Lew Kopelew zusammen mit seiner Frau Raissa Orlowa durch die sowjetischen Behörden zwangsausgebürgert und lebte als enger Freund von Heinrich und Annemarie Böll und vielen anderen bis zu seinem Tod 1997 im Kölner Exil.

 

In zahlreichen Veranstaltungen bewahrt das „Lew Kopelew Forum“ seitdem das demokratische Erbe des großen Humanisten und Schriftstellers Lew Kopelew.

 

Bereits seit einiger Zeit hat Moskau eine inzwischen lange Reihe von Stiftungen und Vereinen zu „in Russland unerwünschten“ Organisationen erklärt. Darunter neben anderen die „Heinrich Böll Stiftung“, die „Friedrich Ebert Stiftung“, die „Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO)“. Letztere gibt seit vielen Jahren die auch in der nationalen wie internationalen, Fachwelt überaus renommierte Zeitschrift „Osteuropa“ heraus. Ebenfalls dazu gehört die ehemalige Organisation „Deutsch-Russischer Austausch“, die heute als „Austausch. Für eine europäische Zivilgesellschaft“ geführt wird.

 

„Russland gehört zu Europa!“ – das war und blieb die Position Lew Kopelews bis zu seinem Tod 1997. Unermüdlich setzte er sich bis dahin für die deutsch-russische Verständigung auf allen Ebenen, für Menschenrechte und Demokratie in Russland und anderswo ein. Vor diesem Hintergrund darf man davon ausgehen, daß er die jetzige Entwicklung wohl als eine zweite Ausbürgerung aufgefaßt hätte.

 

Zur Pressemitteilung

Die Niedertracht kennt immer noch Steigerungen. Nachdem Putins Plan, die Ukraine militärisch zu zerschlagen und als eigenständige Nation auszulöschen, am entschlossenen, von der ganzen ukrainischen Gesellschaft getragenen Widerstand gescheitert ist, soll nun das Land durch die Zerstörung seiner lebenswichtigen Versorgungsstrukturen – insbesondere des Energiesystems – in die Knie gezwungen werden. Die in Tschetschenien und Syrien erprobten Methoden eines Vernichtungskriegs gegen die Zivilbevölkerung, exemplarisch an Grosny und Aleppo exekutiert, werden jetzt auf die freie Ukraine im Ganzen angewandt. Die Bombardierung der Wohnquartiere, die gezielte Zerstörung der Lebensbedingungen von Millionen Menschen, die Ermordung von Zivilisten, die Vergewaltigungen und Deportationen verstoßen bereits heute gegen die Völkermordkonvention der Vereinten Nationen.

Nun steht der Winter bevor. Schon jetzt kann man sehen, was es bedeutet, wenn Heizung, Licht und Elektrogeräte ausfallen, es kein Trinkwasser mehr gibt, Fenster nicht ersetzt werden können, wenn Städte im Dunkel versinken, Schulen und Kindergärten schließen müssen, Krankenhäuser ihre Patienten nicht mehr behandeln können und Betriebe ihre Arbeit einstellen müssen. Seit Beginn des neuerlichen russischen Angriffs mussten bereits mehr als 14 Millionen Menschen ihr Zuhause verlassen, weitere Millionen sollen zur Flucht gezwungen werden.

Gelänge es Putin, die Ukraine in den Zusammenbruch zu treiben, gerieten auch die europäische Sicherheitsordnung, die Europäische Union und das transatlantische Bündnis ins Wanken. Dann ist kein Land im ehemaligen Machtbereich der Sowjetunion mehr sicher, die antidemokratischen Kräfte bekommen Auftrieb und das Völkerrecht liegt in Trümmern.

Aus diesem Grunde ist die Unterstützung der zivilen und militärischen Widerstandskraft der Ukraine nicht nur eine moralische Pflicht. Sie liegt vielmehr in unserem ureigenen Interesse.

Wie können wir dazu beitragen, damit die Ukraine diesen Winter durchstehen kann?
– Jede/r einzelne kann für die Ukraine spenden.

– Humanitäre Hilfsorganisationen können ihr Engagement für die Ukraine verstärken.

– Städte können bilaterale Unterstützung für ukrainische Partnerstädte leisten.

– Betriebe können lebenswichtig benötigtes technisches Gerät, Generatoren, Fahrzeuge, Baumaterial und Kraftstoffe bereitstellen.

– Bundesregierung und EU müssen ihre finanzielle und militärische Hilfe aufstocken: Die Ukraine braucht dringend Nothilfe, und sie braucht nicht minder dringend moderne Waffen, um ihre Städte zu schützen und die Invasionstruppen zurückzudrängen.

Am 10.Dezember ist der Internationale Tag der Menschenrechte, begründet von den Vereinten Nationen im Jahre 1948. In diesen Tagen denken wir ganz besonders an die um ihre Würde und ihre Freiheit kämpfenden Menschen in der Ukraine und ebenso im Iran. Wir wollen an diesem Tag an die Welle der Solidarität anknüpfen, die nach Beginn der russischen Invasion durch unser Land ging. Kommunen, Medien, Stiftungen, karitative Organisationen, Unternehmen, Kulturinstitute und Hunderttausende Bürger haben reagiert auf das, was seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs undenkbar erschien. Diesen Geist der Solidarität gilt es, ungeachtet aller Härten bei uns, jetzt wiederzubeleben. Nichts wäre für die Ukraine gefährlicher als eine schleichende Ermüdung der westlichen Öffentlichkeit und Politik.


Putins Katastrophenstrategie darf nicht aufgehen! Die von der ukrainischen Friedensnobelpreisträgerin Olexandra Matwijtschuk zitierte Parole „Für unsere und für eure Freiheit!“ gilt auch umgekehrt: „FÜR EURE UND FÜR UNSERE FREIHEIT!“

SPENDEN gehen am besten an eine der schon existierenden Initiativen oder auf den von Präsident Wolodymyr Selensky eingerichteten nationalen Spendenfonds UNITED24
https://u24.gov.ua/


Erstunterzeichner/innen:
Swetlana Alexijewitsch
Aleida Assmann
Jan Assmann
Martin Aust
Rüdiger Bachmann
Gerhart Baum
Marieluise Beck
Christoph Becker
Jan C. Behrends
Pamela Biermann
Wolf Biermann
Marianne Birthler
Helene v. Bismarck
Werner Bohleber
Christoph Buch
Detlev Claussen
Dany Cohn-Bendit
Dan Diner
Sabine Döring
Tom Enders
Benno Ennker
Sabine Fischer
Rüdiger v. Fritsch
Ralf Fücks
Durs Grünbein
Irene Hahn-Fuhr
Rebecca Harms
Andreas Heinemann-Grüder
Ulrike Herrmann
Richard Herzinger
Christoph Heusgen
Kerstin Holm
Wolfgang Ischinger
Andreas Kappeler
Daniel Kehlmann
Gerald Knaus
Gerd Koenen
John Kornblum
Remko Leemhuis
Claus Leggewie
Anna Leszczynska
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
Marianne Leuzinger-Bohleber
Renate Liesmann-Baum
Wolf Lotter
Carlo Masala
Markus Meckel
Eva Menasse
Herta Müller
Bianka Pietrow-Ennker
Jan Plamper
Ruprecht Polenz
Katharina Raabe
Jens Reich
Eva Reich
Hedwig Richter
Thomas Roth
Manfred Sapper
Gwendolyn Sasse
Stefanie Schiffer
Karl Schlögel
Peter Schneider
Bruno Schoch
Ulrich Schreiber
Richard Schröder
Martin Schulze Wessel
Linn Selle
Constanze Stelzenmüller
Sebastian Turner
Andreas Umland
Gert Weisskirchen
Michael Zürn

 

Bildnachweis: Matthias Reding über www.pexels.com